Tafelsilber oder Altlast?

Beitrag im Deutschlandradio Kultur vom 11.11.2014

http://www.deutschlandradiokultur.de/25-jahre-nach-dem-mauerfall-tafelsilber-oder-altlast.976.de.html?dram:article_id=302823

1990 reiste ein Filmemacher aus Hessen auf eigene Rechnung durch die untergehende DDR und dokumentierte Sünden der Vergangenheit, die unsere Zukunft belasten. Roland Blum:

Dann bin ich in die Chlorfabrik hineingekommen, wo das Quecksilber auf dem Boden lag und es mit dem Kehrblech aufgenommen wurde. Oder wo die eine Mischung aus flüssigen, halbflüssigen, breiigen, Puder und was auch immer Abfallformen alles wahllos in die Grube Freiheit geschüttet wurde. Da sind ganze Güterzüge, von morgens bis abends haben die tonnenweise Abfälle da einfach, hochgiftig, halb giftig weg mit dem Zeug, drüber mit der Planierraupe, bisschen Erde drüber. Wenn man sich überlegt, dass in der Grube Antonie 50.000 Tonnen Hexachlorzyclohexan, da kann man die halbe Menschheit mit umbringen, dort lagert. Und behandelt werden muss. Und mit unendlichem Aufwand unter Kontrolle gehalten wird. Aber noch ein ungelöstes Problem darstellt.“

Eine Einschätzung, die das Umweltbundesamt teilt. An den besonders belasteten Standorten der Chemieregion werden noch Generationen arbeiten müssen, sagt der Altlastenexperte Jörg Frauenstein: ……

… Der hessische Filmemacher drehte auch im Jahr 2000 und 2013 wieder in Bitterfeld. Trotz nun sauberer Luft fand er eine tickende Zeitbombe, erzählt Roland Blum:

Die Grundwassersituation in Bitterfeld ist so, das es sicher noch 100 Jahre dauern wird, bis man das Grundwasser unbehandelt in die Kläranlage von Bitterfeld einleiten kann. Das ist so lässig daher gesagt, es ist eigentlich unvorstellbar. Grundwasser, das ist eigentlich das Reinste, was es geben sollte, nach unserem Verständnis. Da sollte man sich eigentlich auf den Bauch legen können und es wegtrinken. Das sieht aber eher aus wie eine Öllache. Und so ist auch noch sehr viel offen.“ …..

Die DDR war nicht nur maroder Industriestandort mit Umweltproblemen. Dokumentarfilmer Roland Blum erzählt in seinem aktuell erschienenen Film „Mitgift“ auch von einzigartiger Natur:

Ich habe das erste Mal in meinem Leben im Erzgebirge, neben quadratkilometergroßen abgestorbenen Wäldern, Sonnentau gesehen. Es gab wunderbare Nischen in dieser Landschaft. Uferseeschwalben an der Warnow. Die Insel Vilm, die Urlaubsinsel von Erich Honecker und seinen Freunden. Mit Wäldern, die hatte ich mir nicht so vorstellen können, das hat mich schon sehr beeindruckt. Die industrielle Landwirtschaft der DDR, also diese LPGn waren zwar auch riesige Unternehmen gewesen aber durch Mangel gab es immer noch diese kleine Nischen auch in den Agrar-Strukturen. Das ist leider verloren gegangen an vielen Stellen.

Schon in den 1950er-Jahren gab es in der DDR Menschen, die sich für Naturschutz engagiert haben. Oft im Widerstreit mit staatlichen Stellen oder in privaten Bündnissen mit Verantwortlichen vor Ort. Als sie nun mit der Wende die Chance bekamen, arbeiteten sie rund um die Uhr, um schutzwürdige Gebiete auszuweisen, im Auftrag der Modrow-Regierung. In der kurzen Phase zwischen Frühjahr und Herbst 1990 gelang es ihnen, fast fünf Prozent der DDR-Landesfläche für die Natur zu reservieren. ….